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Weit, weit weg von uns liegt ein Land, das heißt Kanada. Es ist riesengroß und fast ganz grün und blau, denn dort gibt es viele Wälder und riesige Wasser. Das Land ist noch größer, als das berühmte Amerika, und sogar noch etwas schöner. In diesem Land, ganz in der Nähe des Pazifischen Ozeans, wohnte die kleine Bärin Brummbi mit ihren Eltern. Sie waren Braunbären und hießen so, weil ihr dickes, weiches Fell ganz braun war. Sie waren eine glückliche Familie, besonders, wenn es viel zu fressen gab und die Bäche eine Menge frisches Wasser führten.

Eines Morgens, es war ein Tag im August, wachte Brummbi in der Bärenhöhle auf und rieb sich verschlafen sie Augen. Sie schaute sich um: die Höhle war sehr gemütlich, denn Papabär und Mamabär hatten viele schöne Dinge hineingestellt: einen kleinen Baum, rote und gelbe Blumen, einen Wandteppich aus alten Fellhaaren und viele weiße, glatte Steine aus dem nahen Fluss. Brummbi blinzelte zum Ausgang der Behausung und sah Mamabär, wie sie gerade Papabär einen Kuß gab. Der mußte nämlich heute Honig sammeln, wie ihm Mamabär aufgetragen hatte. „Tschüss, Bärenmann!“, sagte Mamabär in sein Ohr. „Tschüss, Bärenweib“, grüßte Papabär zurück und trottete aus der Höhle in den schönen Sonnenschein. Es war ja Sommer. „Mama hat noch gar nicht gemerkt, dass ich wach bin“, dachte Brummbi, strampelte mit ihren dicken Tatzen die Decke vom Leib und wankte schlaftrunken zum Höhlenausgang. „Guten Morgen, Mami“, sagte sie, und Mami antwortete: „Hallo Brummbi, hast du gut geschlafen?“ – „Nein“, jammerte Brummbi, „ich habe geträumt, ich wäre ins Wasser gefallen und untergegangen.“ – „Oh, du jemine!“, sagte Mamabär, „das ist wirklich kein schöner Traum, aber ich weiß etwas, das wird Dich bestimmt aufmuntern.“ – „Was denn? Was denn?“, krakelte Brummbi laut und neugierig, „bitte sag’s mir schnell!“ – Mamabär sprach: „Weißt du denn nicht, was heute für ein Tag ist?“ – „Nein“, antwortete Brummbi, „was ist denn für ein Tag?“ – „Heute vor genau vier Jahren bist du aus Mamas Bauch herausgeplumpst und auf unsere schöne Welt gekommen. Heute ist Dein Geburtstag.“ – „Oh“, sagte Brummbi, erst erstaunt, und lächelte dann vergnügt, „daran habe ich ja gar nicht gedacht. Bekomme ich denn auch etwas geschenkt?“, fragte sie dann neugierig. „Ja sicher“, sagte Mamabär, „denn heute laufen wir beide zum Fluss und fangen große leckere Fische, die gibt’s dann heute zum Abendessen. Und als Nachtisch gibt es den süßesten Honig im Wald, den holt Papabär.“ Brummbi fing in der Höhle an zu jauchzen und zu springen und jubelte: „Juchuu, Flussfische und Honig zum Abendessen, ich will sofort loslaufen, ja?“ – „Du mußt schon noch etwas Geduld haben, Brummbi, denn ich will mich vorher um unsere Höhle herum noch etwas umsehen. Wir wollen ja schließlich keinen Menschen begegnen, sonst sind wir es am Ende noch, die gefressen werden. Nicht alle Menschen sind gut zu uns, das weißt du doch, nicht wahr?“ – „Ja“, sagte Brummbi, „aber beeil Dich bitte, ich möchte schnell zum Fluss.“

Mamabär trottete aus der Höhle und sah sich draußen um. Dazu stellte sie sich auf ihre Hinterbeine, hob die dicke, braune, feuchte Bärennase hoch in die Luft und schnupperte mehrmals. „Hm“, dachte sie, „es scheint kein Mensch und kein feindliches Tier in der Nähe zu sein, ich kann mit meiner kleinen Brummbi ruhig zum Fluss gehen.“ Sie watschelte zurück in die Höhle und rief: „Brummbi! Es ist alles in Ordnung. Wir können los.“ – „Muß ich mich denn nicht erst waschen?“, fragte Brummbi. „Nein, wir müssen ja in den Fluss hinein, da wirst du ganz von selbst sauber“, antwortete die Bärenmama. „Aber ich kann doch nicht schwimmen“, warf Brummbi ängstlich ein. „Wir gehen an eine Stelle, wo der Fluss ganz flach ist. Da können wir auch viel besser Fische fangen, weil sie dort nur schwer wegschwimmen können“, beruhigte Mamabär ihre Tochter. Brummbi war überzeugt. Nun trotteten sie beide los.

Der Weg führte sie über eine Heide, eine Wiese, vorbei an Felsen und Gestrüpp und durch schmale Hohlwege. Stets paßte Mamabär auf, dass kein Mensch in der Nähe war und kein Puma oder sonst ein großes wildes Tier. Denn sie wußte, dass ihre Tochter noch unerfahren war und mit den Gefahren der Wildnis nicht vertraut. Würde ihrer kleinen Brummbi etwas zustoßen, so wäre sie die traurigste Bärenmutter der Welt und Papabär wäre ihr wohl sehr böse. Aber solche trüben Gedanken schob sie nun von sich, denn sie waren an dem reißenden Fluss angelangt. Sie nannten diesen Wasserlauf „Urigugu“, weil sich das Wasser an machen Stellen so anhörte und gluckste und plätscherte, als würde jemand immer „urigugu, urigugu“ sagen. Mamabär lief vorne weg am Ufer entlang und Brummbi hinterdrein. Die Bärenmutter suchte eine Stelle, die zum Fischefangen am besten geeignet war. Sie wußte: die Lachsfische, auf die sie es abgesehen hatte, mußten um diese Jahreszeit flussaufwärts schwimmen, also gegen die Strömung. Das war für die Fische sehr anstrengend und mühsam. Wenn die Lachsfische zudem an einer seichten Stelle vorbei mussten, wo das Wasser also flach und nicht tief war, konnte ein erwachsener Bär sie einigermaßen leicht fangen. Es dauerte nicht lange, da hatte Mama eine gute Stelle gefunden. Die beiden Bären hielten an. Die Mutter hob wieder die Nase in die Luft und witterte. „Alles in Ordnung“, dachte sie. Die Luft war rein und klar. Es war wirklich ein herrlicher Sommertag. In den Wellen und Wirbeln und Tropfen des Flusses spiegelte sich die helle Sonne, sattes Grün der vielen Bäume und Sträucher war an beiden Ufern zu sehen und am Himmel waren nur ein paar weiße Schönwetterwolken. Nun konnte der Fischfang beginnen.

„So, Brummbi“, sagte Mamabär zu ihrer Tochter, „nun pass schön auf, dass du immer hinter mir bleibst, wenn ich jetzt in den Fluss wate. Bitte entferne Dich nicht von mir, denn gleich stromabwärts wird es gefährlich. Dort ist das Wasser tief und reißend, das heißt der Fluss fließt dort sehr schnell. Wenn du magst, kannst du auch versuchen, einen Fisch zu fangen, aber weil Dein Geburtstag ist, brauchst du dich heute nicht anzustrengen. Mama wird die schwere Arbeit machen.“ – „Ja“, sagte Brummbi und hüpfte in freudiger Erwartung hinter Mama her, die nun in den Fluss trottete. Puh! war das Wasser kalt! Das hätte Brummbi nicht gedacht. Sie bekam eine mächtige Gänsehaut von der Eiseskälte, aber das konnte man nicht sehen, denn ihr Fell wurde ja nun ganz nass und klebte am Bärenkörper. Mamabär hatte schnell Glück: sie sah einen besonders großen Lachsfisch, der gerade mit vielem angestrengtem Schlängeln versuchte, gegen die Strömung den Fluss hinauf zu gelangen. Mamabär hob die rechte Vordertatze, fasste den Fisch ins Auge und – „Zack!“ – hieb sie damit ins Wasser und der Fisch stak auf ihren Bärenkrallen. Er Fisch mußte keine Schmerzen leiden, denn Mamabärs Krallen hatten ihn gleich durchbohrt und er hing bald leblos in Mamas Maul. Natürlich fraß Mama ihn nicht, sondern hielt ihn so nur fest, denn er war ja für das Abendessen gedacht.

Ihr müßt nicht traurig sein über das Schicksal des Fisches, denn so ist das in der wilden Natur: Der Stärkere frisst den Schwächeren, um leben zu können. Mamabär war auch nicht traurig, denn heute würde es eben leckere Fische geben. Aber dann geschah etwas Furchtbares. Und das war so.

Während Mamabär gespannt auf’s Wasser geschaut hatte, war das kleine Bärenmädchen Brummbi ausgelassen und munter im Fluss umher gewatschelt. Sie hatte sich an das kühle Nass gewöhnt und immer wieder mit ihren kleinen Tatzen ins Wasser gehauen, weil sie die glitzernden Tropfen so lustig fand. Junge Bären spielen nämlich sehr gerne. Aber Brummbi hatte gar nicht gemerkt, dass sie sich immer weiter von ihrer Mutter entfernte. Und die Strömung hatte sie langsam aber sicher flussabwärts geführt. Plötzlich hatte Brummbi keinen Felsengrund mehr unter den Füßen. Sie bekam große Angst, denn sie konnte noch nicht richtig schwimmen. Sie strampelte und platschte mit allen vier Beinen und konnte sich zum Glück auch über Wasser halten. Aber schwimmen und dann auch noch gegen die Strömung – das konnte sie nicht. Der Fluss begann unaufhaltsam, sie mit sich fort zu schwemmen. In ihrer großen Angst zu ertrinken, wollte sie nach Mama rufen, aber der Schrei blieb ihr im Halse stecken. Sie atmete hastig und planschte angestrengt, um nicht unterzugehen. Schon ging es um eine Flussbiegung, als Mamabär sich umsah. Sie erschrak: „Brummbi ist ja gar nicht mehr hier! Wo ist Brummbi?“ Sie schaute angestrengt gegen das gleißende Sonnenlicht auf den Fluss. „Da!“, dachte sie entsetzt, „das braune, planschende Bündel, das da flussabwärts treibt, das muß sie sein!“ Mamabär wartete keinen Augenblick, sondern warf sich in die Fluten und schwamm mit aller Kraft. Mächtig ruderten ihre starken Arme und Beine, das es nur so aufschäumte und spritzte, gewaltig sog sie die Luft ein und stieß sie wieder aus, „nur schnell zu meiner Tochter, ehe ihr etwas passiert“, dachte sie. Die Strömung half ihr, vorwärts zu kommen. Nun hörte sie auch Brummbis in Todesangst ausgestoßenen Rufe: „Hiiilfe, Mamiii, hiiilfe, ich ertriiinke!“ Mamabär schrie, so laut sie konnte, zurück: „Nein, Brummbi, du schaffst es, ich bin gleich bei Dir, halte durch!“ Die Mutter sandte nun ihre ganze Bärenkraft in ihre Arme und Beine. Und diese Kraft war gewaltig. Wie der Blitz raste sie durch die Stromschnellen und schoß auf Brummbi zu. Das hätte ein Mensch ihrem massigen Leib gar nicht zugetraut. Aber Mütter tun alles, wenn ihre Kinder in Gefahr sind, weil sie sie so lieb haben. Und dann war es auch geschafft. Mamabär hatte Brummbi erreicht und schloss ihre großen Arme um sie. Sie schwamm nun mit den Beinen weiter, wobei sie Brummbi ganz fest hielt. Es dauerte nicht mehr lange, da hatten sie das rettende Ufer erreicht. Mamabär kletterte mit Brummbi die Böschung hinauf, und erschöpft sanken beiden ins Gras. Puh! Das war knapp gewesen. Brummbi schluchzte und wimmerte: „Mama, ich hab' so große Angst gehabt. Fast wäre ich ertrunken.“ – „Es ist ja nun alles gut“, antwortete die Bärenmama, die nicht weniger erschöpft war, „zum Glück kann ich ja ganz gut schwimmen.“ Sie nahmen einander in den Arm und Mamabär gab ihrer geliebten Brummbi einen dicken Kuß. Dann schüttelten sie beide ihr dickes Fell und machten sich auf den Heimweg. Mama nahm noch die vier Fische mit, die sie gefangen hatte, während Brummbi unbeaufsichtigt im Flusswasser gespielt hatte. Für den Heimweg brauchten sie doppelt so lange, weil sie beide ermattet waren.

Daheim war Papabär auch schon da. Er hatte ganz viel Honig gefunden und war dabei auch von einigen zornigen Bienen gestochen worden, worüber er sich ärgerte. Als er aber hörte, was seiner Frau und seinem Kind am Fluss passiert war, vergaß er den Schmerz, den die Stiche verursachten und war überglücklich, dass Brummbi am Leben und ganz gesund war. Mamabär und Papabär machten nun das Abendessen aus Blättern, Honig und den teuer erkauften Fischen. Alle aßen sich satt. Als es dunkel geworden war, gingen sie tief in die Höhle hinein und legten sich ins Bett. Brummbi durfte bei Mama und Papa schlafen, denn es war ja ihr Geburtstag.