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Sie wurde im japanischen Kosimoto geboren und erblickte das Licht der Welt in Gestalt der Sonne, die als blutroter Ball über dem von Morgenröte erhellten Horizont hing. Japanische Fabriken hatten Blech, Stahl und Aluminium geliefert, Walzen hatten die Außenhaut gepresst, Roboter hatten Schweißpunkte gesetzt, Facharbeiter den Kabelbaum eingezogen. Nun war sie vom Band gerollt, war geölt und geschmiert und stand auf einer hölzernen Normpalette, fertig zum Abtransport.

Markus Herzog im fernen bundesdeutschen Rheinlande ahnte, dass sein Wunsch, ein Kraftrad zu kaufen, ihm viel bescheren würde.

Im fernen Japan war neue Kraft in diesem "Funbike" gespeichert. Kolben und Zylinder, von Benzin genährt, würden sie mobilisieren können, noch aber war die Maschine von Ruhe erfüllt. Gespannter Ruhe. Denn sie wusste nicht: Wer wird mich bald fahren? Auch Markus, der seine Armeezeit gerade hinter sich hatte, wusste nicht, dass er gerade diese Maschine erwerben würde. Aber er freute sich. Sein Ziel, Motorrad zu fahren, war durch eine unglückliche Liebschaft herangereift. Der intime Freund der Hilde, so hieß die Angebetete, sollte auch ein Motorrad besessen haben, wie sie Markus einmal stolz erzählt hatte. So sagte sich Markus in jugendlichem Eifer: "Auch ich muss ein Motorrad haben, es wird nicht das Schlechteste sein, damit des Nachts über den kühlen Asphalt zu huschen und die Frühlingsluft unter dem Integral ins Innere des Helms hereinzuschnuppern." Geld war zu dieser Zeit kein Problem, denn das Land hatte ihn zum Abschied aus seinen Diensten reichlich ausgestattet. Und so marschierte er eines Tages stracks in ein kleines, zufällig nahes Geschäft, dessen Inhaber, Rainer Goldhand, gerühmt wurde, einer der besten Zweiradmechaniker der Region zu sein, denn er konnte neue Motorräder bestens pflegen und selbst die verrottetsten Mopeds zu neuem Leben erwecken.

"Ich hätte gerne ein Motorrad!", sagte Markus kurz nach dem Eintreten. Nach einem erstaunten Zögern suchte Roland Prospekte heraus und pries eine bestimmte Maschine ganz besonders. Eine Kawasaki KLE 500 mit 499 Kubikzentimetern Hubraum, 27 Pferdestärken (auf 50 nachrüstbar) und, wie nämlich Rainers Weib sagte, von großer Schönheit. "In der Tat", dachte Markus, als er auf den Glanzprospekt schaute, "dieses Gerät gefällt mir ganz ausnehmend." Und auf das Urteil der Mechanikerfrau gab er fast mehr, als auf das Rainers, denn diese war fast so schön, wie der Glanzprospekt. Ohne auch nur einen Testbericht gelesen zu haben, unterschrieb er nach wenigen Minuten ein Formular, das mit "Verbindliche Bestellung" überschrieben war. Er freute sich wie ein Schneekönig über diese auch für den Winter voll taugliche Enduro.

Allein, seine Freude sollte getrübt werden, denn just, als das Traumgerät seinen weiten Weg aus dem fernen Osten absolviert hatte, wurde Markus von einer schmerzhaften Lungenentzündung heimgesucht. Er musste das Bett hüten, bat aber seinen weit jüngeren Bruder, doch schon einmal die Betriebsanleitung beim Herrn Goldhand zu holen, denn er wollte sich ganz darin vertiefen, war er doch ein fast über die Maßen sorgenvoller und korrekter Mensch. Nicht faul, hatte das Brüderchen jenes Büchlein bald ans Bett gebracht und das erste, was Markus ins Auge stach, war eine Abbildung des schönen Cockpits der Maschine. Ein großer Tachometer war zu sehen, dessen Maximum-Anzeige auf stolze 200 Stundenkilometer wies, sowie ein Tourenzähler, der auch nicht davon zeugte, Markus habe Pappe geordert: der rote Bereich, in welchem der Motor etwa Schaden nehmen könnte, begann erst bei 9.000 Umdrehungen pro Minute. Auch die Optik des Cockpits war ganz in Markusens Sinne, denn die Anzeigelämpchen waren schmuckvoll, sportlich und modern angeordnet, alles hatte seinen der Übersicht geschuldeten Platz und war doch individuell gestaltet. "Das ist das Gesicht meiner Maschine", dachte Markus und blätterte weiter. Es folgten viele Sicherheitshinweise, Pflegetipps, technische Details und Kundeninformationen, alles las Markus aufmerksam, denn er wollte die Zeit seiner Erkrankung nutzen, um schon alles zu wissen, wenn er kuriert wäre und fahren dürfe.

Schnell kam die Zeit; es wurde geliefert und gezahlt.

Wenn sie einmal nicht anspringen wollte, dann sprach Markus etwa wie folgt: "Hey, Baby, was hast Du denn? Habe ich Dich eben gehetzt? Gewiss, es wäre nicht nötig gewesen, den GTI zu überholen, aber der Fahrer musste doch wissen, dass es Schnellere gibt auf der Straße. Ja, ich weiß, Dein Motorenherz war noch nicht tüchtig heiß. Bist Du jetzt sauer? Na komm, wir werden ein paar Minuten warten, und nicht sofort wieder Startversuche machen, damit Du mir nicht versäufst." – Und er tätschelte mit seiner linken Hand, die in einem schweren Lederhandschuh steckte, sanft und zärtlich ihre Flanke, bestehend aus dem violett lackierten Blech-Benzintank. Rittlings auf ihr sitzend schaute er in den Himmel, da die nun verstreichenden Minuten nicht besser zu nutzen waren. Nach einer guten Weile sah er auf den Drehzahlmesser und drückte konsequent den Anlasserknopf. Ein pfeifendes, sirrendes Geräusch kündete von der ausgezeichneten Funktion der Aggregate und wirklich... die KLE sprang an! Erst hustete und tuckerte sie ein wenig, dann aber lief sie rund und gleichmäßig. Markus wusste, dass sie ihn nun wieder tragen würde, wohin er auch wolle. – Er zog die Kupplung, trat den ersten Gang ein und brauste, nicht zu schnell, davon. Der Wind strich ihm um die Nase und die Bäume der Allee, wo sie ihren Dienst hatte verweigern wollen, flogen vorbei.

So hielt er es immer, wenn er seine Maschine erbost wähnte und sie dankte es ihm mit ihrem köstlichen Vibrieren.

Der Auspuff der KLE, das war ihr Atem. Wenn Markus sie mit bereits angelassenem Motor auf der Rampe zur Einfahrt der Polster-Werkstatt seines Vaters kurz abstellte, um noch schnell das große Tor zu schließen, konnte er sich nie verkneifen, bevor er wieder aufsaß, den rechten Handschuh auszuziehen und seine bloße Hand die sanften, warmen Abgaswinde, die aus dem Auspuffrohr drangen, fühlen zu lassen. Weich blubberte ihr Motor und warm und regelmäßig ging der Atem seines Lieblings. Bupp-bupp-bupp-bupp-bupp. "Gleich werd‘ ich Dir die Sporen geben", dachte Markus und seine Vorfreude war fast schöner als das Reiten selbst.

So gingen die Jahre ins Land, und wenn Markus auch von vielen falschen Freunden verlassen wurde... eine verließ ihn nie, und die hieß KLE.

Ein Ereignis gab Markus immer zu denken, wenn ihn sein Baby über die winterliche Autobahn oder durch sonnendurchflutete Alleen trug: es war auf einer einsamen Landstraße, östlich von Venlo. – Er hatte damals, es war viele Jahre her, zu später Stunde im "Mokassin", so hieß eine Art Roadhouse in dieser Gegend, getrunken und ging hinaus, nicht ohne dem Wirt das geringe Geld für zwei Cola Light ausgehändigt zu haben. Er fühlte sich so gut wie lange nicht. Seine schwarze Lederhose mit den Protektoren saß ihm eng am Leib, die abgewetzte Jacke umschloss warm und Halt gewährend seine Brust und seinen Rücken und die Motorradstiefel pochten cowboy-artig auf dem Ausgangstreppchen. Er schwang sein Bein über die rosafarbene Sitzbank, steckte den Schlüssel, betätigte den Anlasser und, als der brave Motor angesprungen war, trat kräftig und etwas lautstark auf den Schalthebel. Da fiel sein Blick auf eine Frau, die traurig an der Wand den "Mokkassins" hockte. Sie war wohl gekleidet und sie war das, was die meisten seiner Motorrad-Freunde schön nannten. Sie sah ihn an. In ihrem Blick lag Sehnsucht und Markus glaubte in seinem Wohlgefühl, auch Begierde erkennen zu können. Doch er getraute sich nicht zu fragen, was die Ursache für diesen Blick sei, ließ stattdessen die Kupplung kommen und drehte am Gashebel. Wrrrrooooaaaaammmmm, sanft trug ihn KLE fort, hinaus in die Nacht. Aber in diesen Stunden konnte er nicht recht glücklich werden. Denn er fragte sich: "Wen hat das Mädchen angesehen? Dich? Oder dich auf der KLE?"

Es war in einer dunklen, kalten Nacht, als das Ende der KLE herannahte. Eisig wehte der Wind über die Feldebenen rechts und links der kurvigen Landstraße, über die Markus dahin bretterte. Glatteis gab es keines, aber eine böse Spur aus glattem, schlüpfrigem Getriebeöl, das ein Lastauto verloren hatte, drohte in einer engen Kurve. Davon wusste Markus nichts und gab beim Überholen eines PS-starken Astra noch einmal richtig Gas. Der alte Motor seines Babys heulte auf, die Maschine spürte, dass ihr Tod nahe war und wollte in dessen Angesicht noch einmal leben. Die schwere Antriebskette musste ziehen und zerren, die Reifen griffen den Asphalt, aber ihr Scheinwerfer konnte Markus den Ölfilm nicht zeigen, denn die gefährliche Flüssigkeit war kaum anders gefärbt, als der Straßenbelag. Dann passierte es. Sie erreichten die enge Kurve. So sehr die KLE sich mühte, sie konnte die Spur nicht halten. Die Räder verloren den Kontakt zur Fahrbahn, die KLE kippte auf die Seite und rutschte, schleuderte wie im Todeskampf weg von der freien Straße auf Wald und Wiesen zu. Sie krachte mit voller Wucht gegen eine alte Eiche. Da brach sie an Geist und Leib und wusste doch, dass im Motorradhimmel noch viele sorgsame Fahrer auf sie steigen würden.

Markus bekam den Schrecken seines Lebens, aber ihm ward wie durch ein Wunder kein Haar gekrümmt. Seine Ledermontur, seine Handschuhe, sein sündhaft teurer Helm und auch ein wenig sein Schutzengel hatten ihn davor bewahrt, zu früh aus dem Leben zu scheiden. Denn sein Körper hatte sich, während es passierte, von der Maschine gelöst und war auf dem alten Leder viel langsamer gerutscht, als das arme Bike. Als er nach einer halben Minute voller Angst sich erhob, sah er noch die Zündungs-Lämpchen im Cockpit leuchten, aber sie erloschen bald. Wahrscheinlich war auch die Batterie arg beschädigt worden. Zitternd wie ein Seehund nach der Geburt und auf wackligen Beinen nahm er Abschied von ihr. Sie hatte ihn immer überall hingetragen, ohne je einen mutwilligen Schaden vorgetäuscht oder begangen zu haben. Er streichelte noch einmal die Einzelteile, beschloss, im nahen Gasthaus die Feuerwehr zu verständigen und nahm zärtlich Abschied. Wohin sollte er nun gehen?