Navigation

Es war um die Mittagszeit eines sehr heißen Junitages, als der Dogfish, einer der größten Personen- und Güterdampfer des Arkansas, mit seinen mächtigen Schaufelrädern die Fluten des Stromes durchpflügte. Er hatte am Morgen Little Rock verlassen und fuhr nun stromaufwärts in Richtung Yewisburg. Unter den an Bord befindlichen Passagieren zog besonders ein hünenhafter Westmann die Aufmerksamkeit auf sich. Er überragte die anderen um Haupteslänge... Solch ein Unsinn! Nicht die Geschichte vom Schatz im Silbersee will ich erzählen, sondern die eines ganz anderen Schatzes. Eines, der nicht aus Silber und Gold besteht. Und so war es trotzdem um die Mittagszeit eines sehr heißen Junitages, als Annette in ihrer Wohnung hockte und den Kopf auf die Handflächen gestützt hielt. Annette lebte in einer mäßig berühmten Stadt und gehörte dort zu den Studiosen. Heute wie in den vielen Wochen zuvor war sie von der notwendigen Lohnarbeit heimgekehrt und hatte sich nach Einnahme einer trefflichen, weil selbst verfertigten, weil fleischlosen und weil schon einschüchternd gesunden Mahlzeit über ihre beängstigend dicken Bücher gehockt. Das nötige Rüstzeug ruhte vollständig sowohl auf ihrem hölzernen Schreibtisch, wie auch, sofern immateriell, in ihrem besagten, nunmehr handgestützten Kopf. Und wenn der Erzähler von ihrem Kopfe spricht, so darf nicht ausgelassen werden, dass es ein sehr hübscher war. Über vollen Lippen hoben sich kräftige Wangenknochen, die Brauen waren stark und ganz wie dichtes Sandgewächs, das Haar war kurz, griffig und fest, die Augen, nicht zuletzt, waren dunkelbraun und strahlten eine Ruhe aus, die auch von nur seltenen Schlägen der langen Wimpern allen, die die junge Frau etwa betrachten würden, vermittelt wurde. Allein, ein einziges Rüstzeug unter den genannten fehlte, und das war, oh Graus, die rechte Lust zu lernen. Denn was Annette sich vorgenommen hatte und überzeugt war auch zu meistern, war ein Hochschulabschluss. An der Universität der Stadt, in der sie lebte und über der just in diesem Moment die Sonne so frech durch das große Hinterfenster schien. Hinaus in den Wald! rief es in Annette, aber gleich darauf: lies! Lies, damit Du den Professoren ihre baldigen Fragen auch ja umfassend wirst beantworten können. Wie war hier zu entscheiden? Wald oder Buch, Naturlust oder kompliziertes Gedankengut in und zwischen den Zeilen? Nicht, dass die naturbegeisterte Annette in einer Baumrinde nicht zu lesen vermocht hätte oder dass in den schönen Büchern, die sie sehr wohl mochte, nichts über Berge, Seen, Wälder und Wanderschaft vorgekommen wäre, aber nun war doch dem einen gegenüber dem andern der Vorzug zu geben. Annette fasste den Entschluss, zum nahen Walde aufzubrechen. Sie stand auf, zog eine Straßenhose über ihre schlanken Beine und feste Schuhe an, packte Teeflasche, einen Kanten Brot und Regenschutz in ihren ledernen Rucksack, warf die kecke Jacke über und verließ die stille Wohnung. Ein genaues Ziel hatte sie auch schon, nämlich ihre geheime, schöne Lichtung tief im Tann, der im Osten der Stadt diese begrenzte. In diese Gegend zu gelangen, oh verschwenderische Verführung und erfüllte Verheißung des industriellen Zeitalters, war leicht, denn ein Linienbus fuhr die Strecke geradewegs. Annettes Fahrkarte war permanent und längst entgolten. Auch kam ein Exemplar der großen, roten Fahrzeuge in kurzer Zeit an die Haltestelle der Allee, in der Annette wohnte. Die Frau setzte sich in ein leeres Abteil, denn, wir müssen es sagen, in diesen Monaten war sie ein wenig menschenscheu; sie machte sich aber weiter nichts draus. Den Rucksack auf dem Schoß, die Nase an der Scheibe hing sie ihren Gedanken nach, solange die Fahrt dauerte, und war bald angelangt. Sie stieg aus und davon fuhr das Verkehrsmittel. Das Wetter versprach nur Allerbestes, Spaziergänger waren kaum zu sehen, die Luft war rein und voll Duft. Bald lagen die Gedanken an Seminare, Hausarbeiten, Urkunden und Prüfungen zurück, vorn war Annettes geliebte Natur. Sie schulterte das Ränzel und marschierte den vom trockenen Sand staubigen Weg entlang. Wollte in Freiheit atmen und genießen. Majestätisch erhoben sich die Wipfel in den blauen Himmel, Hummeln übten Standflug an den Blüten rechts und links und Vöglein zwitscherten um die Wette. Aber ein schreckbares Ereignis lag vor der mutigen Annette und das kam so. Annette war schon zwei und eine halbe Stunde marschiert. Ihr robustes Schuhwerk hatte ihr zusätzlich festen Tritt verliehen, sie hatte Zweiglein und Blätter im Vorbeigehen liebevoll gestreift, hatte ihre Lunge vollgesogen mit der guten Luft, hatte auch den Tee getrunken und das Brot verzehrt, als sie ihre geliebte, von anderen kaum betretene Waldblöße erreichte. Ein wenig stolz trat sie in deren Mitte und blickte nach oben in die Wipfel der im Ring darum herum dicht stehenden Bäume und den Himmel. Ihre Sinne hatten ihr einen schwarzen Schatten halb rechts in ihrer bisherigen Marschrichtung nicht verhohlen, aber nur aus den Augenwinkeln nahm die das nahende Unheil wahr. Einen Moment später sauste es auf sie nieder. Ein aggressives Kreischen ertönte und hallte von den Bäumen wider und etwas, das hart wie Holz war, hämmerte mehrmals gegen der jungen Frau Schädel und Stirn. Annette erschrak sehr. Um sie herum war es für kurze Zeit dunkel geworden und sie wusste hernach nicht, war das der Schreck oder hatte tatsächlich etwas die Sonne verdeckt? Dann war ein Knattern und Flattern wie von Fahnen im Wind zu hören und der Schatten gewann wieder die Höhe, aus der er gekommen war. Annette zog erst jetzt blitzartig den Kopf ein, sog die Luft abrupt in der Art eines lauten Seufzers und rannte dann los und auf den Rand der Lichtung zu, um sich der Gefahr zu entziehen. Geübt wie sie war, gelang es ihr schnell, ein Farngebüsch unter einer Kiefer mit ausladenden Ästen zu gewinnen, wo sie sich verbergen konnte. Nachdem sie sich gesammelt hatte, hob sie den Kopf und betrachtete den Himmel über ihr. Erst war sie geblendet, weil ihr jüngstes Versteck dunkel war und die luftige Höhe über ihr strahlend hell. Dann aber gewöhnten sich ihre Augen. Sie ward auch ruhiger mit den Minuten, die jetzt verrannen. Schon konnte sie Einzelheiten ausmachen, nämlich die Baumspitzen und einige Schönwetter-Wölkchen. Sie trachtete den Schatten zu entdecken, der sie angegriffen und so erschreckt hatte. Und tatsächlich: weit oben, zwischen den Wolken, kreiste ein Greifvogel. Offenbar nutzte das Tier den sachten Aufwind und die an diesem Tag herrschende Thermik, denn seine Flügel vollzogen keine Schläge, sondern, einem Segelflugzeug gleich, zog es Kreise über der Stelle, an der Annette hockte. Nun, ohne den Blick von dem Raubvogel zu wenden, befragte die Frau ihr Inneres nach einem Urteil über das eben gewesene. Liebte sie nicht den Wald und die Tiere? Hatte sie sich an diesen Orten nicht immer sicher gefühlt vor den Unbilden der Welt; ihrer Eltern und der Universität im besonderen? War es nicht ein nachgerade majestätischer Anblick, wie der große Vogel über ihr kreiste? Ja. Doch dann tastete ihre Hand nach dem Kopfe und sie wurde sich der Schmerzen bewusst, die von dort ausgingen. Ihr Haupt wies eine nicht geringe Beule auf und ihre Stirn Kratzer von dem Angriff. Ausgesprochen weh tat es, wenn es auch glücklicherweise keine ernsten Verletzungen waren. So gefangen zwischen der offenbaren Anmut des Tieres und der Gewissheit, dass es gerade sie Tierliebhaberin erschreckt und ihr weh getan hatte, verbrachte Annette die nächste Zeit. Derweil fand sie im Rucksack, der noch immer auf ihrem Rücken war ein in viel Silberfolie gewickeltes Stück Schokolade. Das war ein wenig Glück im Unglück und fast gierig verzehrte sie es. Gut tat der viele Zucker darin. Von der Anstrengung des Marsches und den Schrecken war sie jetzt müde. Sie fror nicht, denn in diesen frühen Abendstunden war noch viel Wärme in Luft und Boden. So lud sie den Poncho aus ihrem Ranzen, breitete ihn unter sich aus und legte sich nieder, nieder auf den angespannten Rücken; den Schutz des Farnes und der Kiefer wohlweislich nicht verlassend. Kleinere Vögel zwitscherten noch hie und da, obwohl es zu dunkeln begann. Die Frau verspürte, wie Angst und Schrecken sich legten in ihr. Ruhe begann einzukehren. Vor der beginnenden Dämmerung fürchtete sie sich nicht, denn diesen Platz würde kein Mensch finden, dessen war sie gewiss. Weil sie sich aber nach dem vielen am Nachmittag genossenen Tee eine Erleichterung verschaffen musste, erhob sie sich noch einmal, schlich über knackenden Zweigen einige Meter tiefer in den Wald und hockte sich nieder. Zurück auf ihrem Regenüberwurf legte sie die Jeansjacke unter ihren Kopf und gab sich einem erholsamen Schlaf hin. Es ging ganz schnell. Eins wurden der Wald, die Luft, die Blätter und Nadeln, Himmel und Wolken und das Gehölz, ihr Bewusstsein machte einen hauchzarten Satz... und Annette schlief. Hätte sie jemand beobachtet, er hätte leichtes Zucken um ihre Mundwinkel bemerkt. Ihr Schlaf war ein wenig unruhig, denn ein Traum begann sich in ihrem Unterbewussten zu formen. In diesem Traum, wir wollen aufhorchen, sprach der Vogel zu ihr. Das anmutige Tier hatte einen der stärkeren Zweige der Kiefer, unter der Annette lag, zum Sitzplatz gewählt. Mit eingezogenen Schwingen, mit im zarten Winde flatterndem Gefieder und ein wenig gesenkten Hauptes entrangen sich Laute seiner Vogelkehle. Laute, die der jungen Frau zu Worten und Sätzen wurden. Wie folgt sprach der Vogel; ein männliches Tier übrigens, was nicht verschwiegen werden darf. "Liebe, geachtete Frau! Schon lange kannt ich Dich und wurde oft Deiner ansichtig hier auf der Lichtung im Walde. Wisse, dies ist mein Jagdgebiet. Eichhörnchen und Mäuse, wie klein, gewandt und flink auch immer, müssen mir erliegen. Ich achte ihrer Leben nicht. Denn ich bin ein Greifvogel. Sie sind meine Nahrung, so lange ich denken kann. Würde ich ein Wehklagen erheben über den schnellen Tod der Winzlinge, die mir zufallen, wovon sollt ich mich selbst ernähren? Es ist so die Bewandtnis in der Natur, dass der Stärkere den Schwächeren frisst. Nie aber quält ein Tier das andere ohne Not. Auch Ihr Menschen müsst Euch abarbeiten, damit Ihr das Lebensnotwendige gewinnen könnt. In mir Greif hat sich so mit den Jahren meines Lebens der Jagd- und Fresstrieb eingebissen. Denke nicht, schönes Mädchen, dass ich Dir Böses wollte. Deine Schönheit war's, die mich anzog. Jedoch war schon lang kein Vogelweib mehr in meiner Nähe und ich war der Künste des Werbens unkundig geworden. So flog ich heran und wollte stehlen, was nur Deine eigene Gunst gewähren kann. Ich drängte Dich zur Verteidigung und tat Dir weh. Hier sitze ich nun auf leicht brechendem Ast und bitte Dich um Verzeihung. Willst Du sie mir gewähren, so gestatte mir noch diese Bitte: ab und an, den einen oder anderen Tag, möchte ich wieder Deine schöne Gestalt betrachten dürfen. Sie weckt in mir das Ja zum Leben, das für Jahre verschollen war in meinem Raubvogelherzen. Mehr erbitt ich nicht von Dir, denn ich weiß, Du bist Mensch und ich Tier. Auf Wiedersehen, schönes Menschenkind!" Nach diesen Worten, die Annette wohl vernommen hatte, breitete der Flugkünstler seine Flügel aus, soweit es die unnachsichtigen Nadeln der Kiefer erlauben wollten, hüpfte eine kleine Strecke bis zur Lichtung und erhob sich in den Himmel, der nun schon von einigen wenigen Sternen geziert war. Er flog davon.

Zu dieser kurzen Geschichte wurde leider noch kein Schluss verfertigt. Dieses Ende ist aber in Arbeit. Stand: 21.08.2015